Himmelfahrt

Männer pinkeln im StehenStändig stinkt es nach Bier und Pisse. Ich weiß nicht, ob es am Alkohol liegt, oder daran, dass man am Vatertag den Pimmel zeigen muss, um zu beweisen, dass man zumindest potentiell ein Vater ist. Auf jeden Fall zeigen mir schon vor Mittag drei Pisser ihre Penisse, einen davon mitten auf der Fußgängerbrücke am Erfurter Hauptbahnhof. War wohl eine schlechte Idee, an Himmelfahrt das Haus zu verlassen. Das hab ich mir schon am Anfang meiner Radtour gedacht. Am Ringelberg prügeln sich zwei sportlich gekleidete 20jährige umringt von Gleichgesinnten. Einer trägt einen schwarz-rot-goldenen Hut in Form eines Bierkruges. Auf der Straße zwischen Vieselbach und Asmansdorf randalieren gutbürgerliche Mitt-30er. Sie werfen einen Baustellenzaun um und demolieren Straßenschilder. In Weimar sind meterbreit Blutspritzer auf dem Bürgersteig verteilt, daneben eine Lache von Bier und ein paar Scherben. Am Morgen waren hier zwei Männerhorden aufeinandergetroffen. Bei der Rückfahrt nach Erfurt habe ich Glück, keine Kotze im Abteil. Nur im Erfurter Bahnhof rutsche ich auf einer Pfeffi-Lache aus. Auf dem Anger lassen sich besoffene Spießbürger neben einer brennenden Mülltonne fotografieren. Was für ein Spaß.

Was ist da los? Wie kommt es, dass an einem christlichen Feiertag die Männer durch alle Schichten und Alterskohorten hindurch austicken? Wie kann es sein, dass spießige Saubermänner auf die Gehsteige pissen und begeisterte Autofahrer ihre eigenen Straßen demolieren? Noch verrückter: Wie kommt es, dass – wie 2009 in Erfurt gesehen – Hooligans, die jeden grün und blau schlagen würden, der ihnen homophile Neigungen unterstellt, sich gegenseitig auf dem Fischmarkt an die Schwänze fassen?

Ich glaube, das ist „das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“. So heißt eine Veranstaltung in Weimar am 17.5., dem internationalen Tag gegen Homphobie. Ich picke mir mal raus, was von diesem Theorie-Gedöhns auf die pissenden Saubermänner passt:

Mit der Aufklärung entsteht ein neues Menschenbild. Es heißt zwar Menschenbild, ist aber eigentlich ein Männerbild: Das bürgerliche Subjekt. Es ist fähig zur rationalen Erkenntnis. Es ist immer aktiv und stark. Und es will herrschen. Damit was zum beherrschen da ist, schenkt die Aufklärung der Frau die zweifelhafte Ehre, als Gegenstück des Mannes zu dienen. Passiv, schwach, emotional, empfangend und unterworfen – eben das Andere des bürgerlichen Subjekts. Der Hass auf Schwule und Lesben kommt nicht zuletzt daher, dass sie diese Ordnung stören. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Zurück zum Subjekt und seinem Anderen, dem Unterworfenen. Das Subjekt beherrscht nicht nur die anderen Menschen. Wenn wir mal davon ausgehen, dass himmelblaue Babies genau so weinen wie rosarote, muss auch jede Menge Selbst-Beherrschung stattfinden, eh aus dem blauen Baby ein blauer Erwachsener wird. Das Subjekt muss sich selbst beherrschen. Es muss die ganze Schwäche, Ratlosigkeit und Irrationalität in sich unter Kontrolle zu bringen. Der Riss geht also mitten durch die Person. Der ganze Mann ist also nicht nur eine Zumutung für seine Umwelt, er muss sich auch selbst ständig trietzen. Insofern: Ja, auch Männer leiden unter ihrer Geschlechterrolle.

Bevor jemand aber Fürbitten für die „armen kleinen Männer“ anstimmt, will ich auf den Männertag zurückkommen. Himmelfahrt erlaubt den Männern in einer kontrollierten und reglementierten Umgebung das Ausleben von Spontaneität. An Himmelfahrt dürfen sich die verklemmtesten Heteros zusammen im Schlamm wälzen und sich gegenseitig an die Schwänze fassen. An Himmelfahrt dürfen die Saubermänner, die sich sonst Tag für Tag ihrem Ordnungswahn hingeben, auf der Straße randalieren. An Himmelfahrt darf Mann das nicht verarbeitete Trauma der kindlichen Sauberkeitserziehung nach Außen kehren, indem man vor dem Hauptbahnof auf die Straße uriniert und das mit der Handy-Kamera für die Nachwelt festhält. An Himmelfahrt ist die Stadtordnung außer Kraft – nicht saufende Männerhorden, sondern alle anderen werden der Innenstadt verwiesen.

Ein Bruch mit der selbstbeherrschenden Subjekform ist das nicht. Denn auch die Entscheidung, dass es zum Ausnahmezustand kommt, ist Herrschaft. Und dass der Macker ein Stück die Selbstbeherrschung abgibt, heißt in der Praxis dann oft genug, dass die Anderen was abbekommen: Die Fallzahlen für Körperverletzung liegen am Männertag ca. drei mal so hoch wie im Durchschnitt. Wieviel es kostet, hinter den pissenden, kotzenden und randalierenden Spießerhorden wieder aufzuräumen, wird nicht erhoben. Wenigstens hat in diesen Jahr der Regen die Pisse recht schnell weggeschwemmt. Das Männerproblem bleibt bestehen.

Ein Beitrag für die Sendung Chilligays bei Radio FREI.


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