Archiv für Januar 2011

Der Papst kommt

Der Papst kommt im September nach Erfurt. Aber der Besuch wird nicht ohne Widerstand ablaufen. Das Rosa Spaghettimonster hat Protest angekündigt:

Vorbereitungstreffen am 8.2.2011, 18 Uhr.

„Was kann verführerischer sein als sinnliche Lippen?“ oder „Angriff der Terrortunten“

„Auf allen Ebenen / Mit allen Mitteln“ wollte die Antifa in Leipzig am 16.10.2010 vorgehen und das sieht man auch: Zu den Mitteln gehört der Rückgriff auf sexistische Stereotype.

Ein voller roter Mund als Symbol weiblicher Begehrlichkeit soll Heteromänner in den antifaschistischen Kampf locken. Wie man schon im Film „Blutige Erdbeeren“ sehen kann, ist Sexyness ein wichtiger Faktor für den Erfolg politischer Bewegungen. Und sexy — also sexuellen Erfolg verheißend — ist die Bildsprache der Mobilisierung gegen den Naziaufmarsch: Man sieht ein Gesicht mit der samtweichen und ebenmäßigen Haut, die es nur in der Werbung gibt. Die Zunge leckt die glänzenden Lippen. Die Darstellung endet unter den Augen und über den Brüsten. Ohne Brüste ist das Objekt der Verheißung nicht gar zu platt als Sexobjekt gezeichnet, durch die fehlenden Augen ist ihm die Möglichkeit genommen, dem Männerblick etwas zu entgegnen.

Wer Dekonstruktion nicht verstanden hat, kann die Verantwortung für die Dekodierung der kulturellen Grammatik den Betrachtenden zuschreiben und behaupten, es handele sich gar nicht um eine Frau, die hier für Männerblicke posiere. Dabei wiurd so getan, als sei das entscheidende für eine geschlechtliche Darstellung eine Bezugnahme auf eindeutige körperliche Merkmale. Die fällt aber bei einer Werbedarstellung von vornherein weg und ist auch im Alltag fast immer bedeutungslos. Wer erkennbar als geschlechtliches Subjekt auftritt, wird auch als solches erkannt und reproduziert die darin liegende Geschlechterordnung. Insofern können wir sehr wohl annehmen, daß in einer hochgradig weibliche Performance sehr wohl auch eine Frau erkannt wird. Die angedeutete Vampir-Symbolik ändert daran höchstens, daß die versprochene Sexualität einen noch etwas verruchteren Touch bekommt, als sie durch die knallroten Lippen sowieso schon hat. Daß hier auch nur ein Nazi Angst bekommen könnte, daß sich eine Demonstrantin die Hassi vom Kopf reißt und ihn in den Hals beißt, halten wir für ausgeschlossen. Allenfalls bietet sich ihnen die Zote an, von dieser Antifaschistin auch mal gerne gebissen zu werden.

Der zweite Aufkleber kommt aus dem Umfeld der dänischen Gruppe „Queer Jihad“. Er verspricht, daß in dieser Straße 17 Homosexuelle wohnen. Auch hier leckt sich jemand die Lippen ob dieser Verheißung. Aber das Gesicht wirkt verstörend. Es performiert im Grunde die selbe Symbolik wie bei der Antifa, die Darstellung ist aber gebrochen. Die Elemente von Sexyness werden durch Verstöße gegen kulturelle Regeln für begehrenswerte Weiblichkeit (vor allem reine Haut und ebenmäßige Zähne) ergänzt. Dadurch wird die Darstellung verqueert und die kulturelle Grammatik gebrochen. Das Bild ist bedrohlich für die Geschlechterordnung. Es zielt auf eine queere, die Sterotypen brechende und dadurch bedrohliche Sexualität. Wirkt der erste Aufkleber durch ein leicht zu dekodierendes Versprechen, lässt der Zweite die Betrachter_innen mit vielen Fragen zurück: Was für ein Geschlecht hat die Person? Wie ist ihr Begehren? Was passiert, wenn sie zubeißt? Wartet sie vielleicht in dieser Straße auf vorbeigehende Heterosexuelle, um sie zu beißen? Sind es am Ende 17 Terrortunten, die in dieser Straße nur darauf warten, die Vanilla-Welt der heterosexuellen Ordnung zu zerstören und ihre Träger_innen mit extrem schlechten Zähnen zu beißen?

Die 17 Homosexuellen sind nicht berechenbar. Ihre Bildsprache bedroht die Normalität. Wäre nicht genau das auch ein Element antifaschistischen Engagements? Im Grunde schon, aber die Zielgruppe der schönen, chicen, bei Globetrotter ausgestatteten Jugendlichen lässt sich augenscheinlich besser mit sexy Männerphantasien auf die Straße locken als mit verstörenden Botschaften.